Bagger statt Bulldozer

Österreich hat Know-how anzubieten, das dem Schwerpunktland Bhutan zugute kommen soll: im Tourismus, in der Wasserkraft oder in der Forstwirtschaft

Von Brigitte Pilz

Dieser Beitrag ist eine vom Außenministerium autorisierte Darstellung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit
Die Eröffnung eines kleinen Wasserkraftwerkes ist in Bhutan ein bedeutendes Ereignis. In einem Land, in dem die Mehrzahl der Häuser am Abend mit Butterlampen oder Fackeln erleuchtet wird, reist zu diesem Fest schon einer der höchsten buddhistischen Würdenträger an. Rinpoche Lam Neten freut sich, denn Kochen mit Elektrizität schützt unsere Wälder vor weiterer Abholzung. Und eine gute Glühbirne leuchtet stärker als hundert Butterlampen.
Der würdige Lama sieht in der Elektrizität ein Symbol für die Einheit von Wasser und Feuer. Das seien wichtige Elemente im Buddhismus. Auch viele Bewohnerinnen und Bewohner des ganzen Tales, nahe der Bezirksstadt Tashigang im Osten des Landes gelegen, strömen an diesem sonnigen Tag nach Rangjung. Das Kraftwerk wird 5.000 Haushalte in 20 Dörfern mit Elektrizität versorgen. Das war im Frühjahr 1996. Mit finanzieller und fachlicher Unterstützung aus Österreich war dieses Druckwasserkraftwerk an einem der wild tosenden Gebirgsbäche Bhutans gebaut worden. Es hatte rund 75 Millionen Schilling gekostet und wurde auf die Produktion von 2,2 Megawatt Strom ausgerichtet.


Menschliche Arbeitskraft kommt zum Einsatz, wo immer dies möglich ist, wie hier im Forstprojekt in der Provinz Bumthang.

Wenige Monate später kam das vorläufige Aus. Eine Hangrutschung hatte großen Schaden angerichtet. Die Reparatur erfolgte wieder mit österreichischer Hilfe. Geologisch ist Bhutan ein sehr junges Land. Die Erde ist noch viel stärker in Bewegung als in unseren Breiten. Hätte man das Unglück also vorhersehen und beim Bau berücksichtigen können? Techniker verneinen dies und meinen, daß es ebenso wie bei uns unmöglich ist, alle Eventualitäten von Naturereignissen einzuplanen.

Ein wesentlich größeres Kraftwerk wird derzeit in Zusammenarbeit mit Österreich an den beiden großen Flüssen Basochhu und Rurichhu in Zentralbhutan gebaut. Die Eckdaten: Kostenpunkt 700 Millionen Schilling; Leistung 62 Megawatt nach Fertigstellung beider Ausbaustufen; Fertigstellung der ersten Ausbaustufe im Jahre 2000. Einige österreichische Unternehmen arbeiten dabei mit bhutanischen Firmen und Fachleuten zusammen. In Spitzenzeiten werden bis zu 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Bau beschäftigt sein. Trotzdem soll dieses Projekt sozialverträglich und umweltschonend verwirklicht werden. Die 20 km lange Straße zur Baustelle in einem ökologisch sensiblen Hochwald wurde bereits zum Testfall. Man arbeitete mit einem wendigen Bagger und nicht mit einem riesigen Bulldozer, um die Wunden an der Natur möglichst klein zu halten.


Beim Einsatz von Maschinen ist die spätere Wartung mitzudenken. deshlab ist zum Beispiel beim Kraftwerksbau von Basochhu das Training on-the-job zentrales Anliegen.

Im Zusammenhang mit diesem Straßenbau wird ein Maschinenzentrum errichtet, denn eines hat sich in der Vergangenheit deutlich gezeigt: Baumaschinen und Lastwagen sind zwar eingeführt worden, doch nach relativ kurzer Zeit standen die Räder still. Man ist in Bhutan noch nicht für die Wartung von Maschinen, rasche Ersatzteillieferungen, Reparatur von Fahrzeugen etc. eingerichtet. Deshalb soll bei jedem von Österreich unterstützten Projekt die Zeit danach mitbedacht werden. Jedes Auto braucht irgendwann ein Ersatzteil und jede Maschine ein Service. Darum spielt beim Bau des Kraftwerks Basochhu und des Maschinenzentrums das Training-on-the-job für einheimisches Personal eine große Rolle.
Beispiele Österreichischer Entwicklungszusammenarbeit mit Bhutan. Oft werden Žhnlichkeiten zwischen dem Himalaya-Staat und der Alpenrepublik als Begründung der intensiven Kooperation ins Treffen geführt. Kleine Länder beide, Naturschönheiten hier wie dort, hohe Berge, dichte Wälder, stille Täler, versteckte Dörfer. Wirtschaftlichen Gewinn versprechen Wasserkraft, Forstwirtschaft und Tourismus.

Andererseits könnten zwei Länder unterschiedlicher nicht sein. Bis vor wenigen Jahrzehnten lebten die Menschen in Bhutan völlig abgeschnitten von den Errungenschaften westlicher Technik und Zivilisation. Das Leben war eingebettet in den regelmäßigen Fluß jahrhundertealter Gewohnheiten. Für die Bewohnerinnen und Bewohner abgelegener Dörfer ist es dies auch heute noch. In der Hauptstadt Thimphu aber prallen Mittelalter und Neuzeit aufeinander. Eine Österreicherin, die mit ihrer Familie in Thimphu lebt, erzählt: Wo sind die Filme?, war oft die erste Frage, wenn Freunde unserer Kinder zu Besuch kamen. Viele waren sehr enttäuscht, daß wir keinen Videorecorder haben, und blieben bald weg. Industrielle Massenkultur hat hier längst Einzug gehalten. Gerade Jugendliche mit höherer Bildung lehnen Religion als alles bestimmenden Faktor ab. Die ältere Generation glaubt daran, daß sich die Jugend später wieder auf die traditionellen Werte besinnt, wie sie selbst es getan hat. Karma Dorji zum Beispiel: Er hat jahrelang in New York gelebt und bei der UNO-Vertretung seines Landes gearbeitet. Mir hat das Leben dort gefallen. Ich war jung. Heute leitet er die Abteilung für Wasserkraft innerhalb der bhutanischen Regierung, und er vertraut auf die Kraft der Tradition: In einer Zeit, in der Wirtschaft und Politik von hemmungsloser Globalisierung träumen, ist der Mensch auf kleine, sozial verträgliche Strukturen angewiesen.

Die Regierung Bhutans versucht eine Gratwanderung: Öffnung des Landes und gleichzeitig Bewahrung der traditionellen Werte und des tiefreligiösen, buddhistisch geprägten Alltagslebens. Bhutan ist ein untypisches Entwicklungsland. Es trat sozusagen mit einem funktionierenden Gesellschaftssystem in die Moderne ein. In Bhutan hungerte niemand. Jeder konnte sich ausreichend kleiden, hatte ein Dach über dem Kopf. Dennoch war und ist das Land arm, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen oder am Grad der Alphabetisierung. Diesbezüglich hat sich in den letzten 35 Jahren zwar sehr viel verändert. Doch niemand schafft es wohl, jene Aspekte von Entwicklung, die gewünscht sind, zuzu- lassen und andere vollständig zu vermeiden.


Auf Baustellen - hier beim Kraftwerk Basochhu - sind Männer und Frauen beschäftigt. Projekte, die speziell die Förderug der weiblichen Bevölkerung zum Ziel haben, müssen in der Zusammenarbeit Österreich-Bhutan noch entwickelt werden.

Die Verantwortlichen in Bhutan sind sehr vorsichtig. Sie wollen eine Entwicklung mit menschlichem Maß. Sie wollen kein grenzenloses Wachstum. Sie möchten Qualität statt Quantität. Und sie möchten ihr Land nicht an Großmächte verkaufen. Als Kooperationspartner suchen sie daher vor allem kleine, möglichst neutrale Länder aus.

Es wird oft diskutiert, warum Bhutan ein Schwerpunktland der Österreichischen Ent-wicklungszusammen-arbeit geworden ist. Es gab hier zuvor keine gewachsenen Kontakte Nicht-staatlicher Organisationen, nur einzelne persönliche Beziehungen. Die Zusammenarbeit wird auf offizieller Ebene ausgehandelt. Trotzdem ist eine Vielzahl von Projekten gewachsen, weil eine Weiterentwicklung des Landes in Bereichen gewünscht wird, in denen Österreich Know-how anzubieten hat. Irgendwie war es daher wohl auch umgekehrt: Österreich wurde von Bhutan als Partner ausgewählt.

Nehmen wir die Forstwirtschaft als weiteres Beispiel. 7,7 Prozent der Landesfläche sind mit urwaldartigen Tannenwäldern bedeckt. Viele Hunderte Jahre lang hat die halbnomadische Bevölkerung dieser in 3.000 m und höher gelegenen Regionen vom Wald gelebt. Man ließ die Yaks und Schafe im Unterholz weiden, sammelte Brennholz, Pilze und Kräuter. Auf Lichtungen baute man Getreide und Kartoffeln an, auch ein wenig Gemüse. Das alles klingt recht idyllisch. Doch ein solches Leben in Subsistenz ist ziemlich hart. Die Menschen wollen wegziehen, sobald sie irgendwo von Verdienstmöglichkeiten erfahren. Gleichzeitig schädigen die Waldweidehaltung und die Brennholzgewinnung gerade den jungen Baumbestand. Die Regierung setzt auf nachhaltige und schonende, jedoch wirtschaftlich rentable Waldnutzung. Es gibt Gegenstimmen, die auf absoluten Schutz der Wälder drängen. Auch Schweizer Kollegen, die in Bhutan sehr stark vertreten sind, zeigen sich skeptisch. Diese Wälder kämen den Bannwäldern in den Alpen gleich, die niemand antasten darf.


Pro Jahr kommen rund 6.000 Gäste ins Land. Bhutan bekennt sich zum hochpreisigen Tourismus, um negative Folgen für Mensch und Umwelt zu minimieren.

Das Ministerium für Forstwirtschaft in Bhutan und Fachleute einer österreichischen Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus der Universität für Bodenkultur und dem Hilfswerk Austria in Wien sowie dem Raumplanungsbüro Friedrich Falch in Landeck, erforschen in einem langfristig angelegten Projekt in Wangthangla-Thumsingla, Provinz Bumthang in Zentralbhutan, den Wald und seine mögliche Nutzung. Der Forstingenieur Wolf Guglhör findet dies legitim: Der Regierung ist die Erhaltung des Artenreichtums hier am wichtigsten. Für die Leute ist die Forstwirtschaft die große Hoffnung. Die Vorräte sind groß und die Holzpreise für den Export nach Indien sehr hoch. Bhutan hat in einem anderen Zusammenhang ein Beispiel von Entwicklung sozusagen vor Augen, dem es keinesfalls folgen will: den Trekking-Tourismus in Nepal.
Die Folgen dieses ungebremsten Ansturms auf das Himalaya-Gebiet sind für Natur und bereiste Bevölkerung verheerend. Bhutan empfängt die Gäste handverlesen, wobei das Ausleseverfahren schlicht aus dem Verbot von Einzelreisen und einem Tagessatz von US$ 200, pro Kopf besteht. Rund 6.000 Touristinnen und Touristen kommen pro Jahr ins Land. Österreich hat diese Strategie eines sanften Tourismus in einem Masterplan unterstützt. Gleichzeitig sollen Reisegruppen eine zufriedenstellende Betreuung erhalten. Und hier sind erfahrene österreichische Bergführer auf den Plan getreten. Seit einigen Jahren schon bilden sie Trekking-Guides aus. Diese sollen nicht nur den Weg kennen, sie müssen auch im Lesen von Karten, Kompaß und Höhenmesser firm sein. Erste Hilfe ist in diesen Höhenlagen unabdingbar, ebenso das größtmögliche Vermeiden von Risken. Routen wurden ausgewählt, die das gewünschte Naturerlebnis des Höhenwanderns mit der Besichtigung beeindruckender alter Tempel- und Klosteranlagen verbinden.

Wie lange sich dieser für Land und Leute verträgliche Tourismus wird halten können, ist ungewiß. Unternehmen der Branche drängen auf Öffnung ihres Landes für einen größeren Besucherstrom. Manche gewitzten Geschäftemacher schrecken nicht davor zurück, die zeitliche Verlegung religiöser Feste zu verlangen, um sie touristisch besser nutzen zu können. Die Erhaltung der Einmaligkeit Bhutans als letztes buddhistisches Königreich im Himalaya mit seinem unermeßlich reichen kulturellen Erbe ist wohl nicht zuletzt ein Wettlauf mit der Zeit.

Brigitte Pilz ist entwicklungspolitische Journalistin und lebt in Wien. Die angeführten Zitate stammen aus Radiosendungen von Gerald Lehner und Filmaufnahmen von Karl Brousek und Peter Elster.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04