Bewegung im "Land der Drachen"

Bis 1960 war Bhutan der letzt physisch vollkommen isolierte Staat der Erde. Dann begann mit Fünfjahres-Entwicklungsplänen die vorsichtige Modernisierung. Die Regierung setzt auf eigenständige Entwicklung und Fortschritt mit menschlichem Maß.

Von Stefan Priesner

Als Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru im September 1958 Bhutan besuchte, handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um die längste und mühsamste Anreise zu einem Staatsbesuch in der jüngeren Diplomatiegeschichte. Teils zu Fuß, teils auf Yaks ging es von Sikkim aus sechs Tage nach Osten, bis der hohe Gast in Paro vom bhutanischen König empfangen wurde. Nehru, ein überzeugter Gegner jeder Form von Imperialismus, versicherte den Bhutanern, daß Indien nicht die Absicht habe, in Bhutans innere Angelegenheiten einzugreifen. Er bot gleichzeitig an, eine Straßenverbindung zwischen beiden Nachbarstaaten zu finanzieren. Die bhutanische Führung reagierte vorerst zögernd auf das Angebot. Die geographische Isolation hatte dem Land schließlich drei Jahrhunderte lang die Unabhängigkeit bewahrt.


Ein Kind ins Kloster zu schicken bring einer Familie große Ehre. Zur Zeit leben in Bhutan rund 3.400 staatlich subventionierte Mönche.

Als im Jahr darauf jedoch ein Aufstand in Tibet gegen die chinesische Besetzung blutig niedergeschlagen wurde und sich die Zeichen mehrten, daß die Nordgrenze Bhutans und damit die traditionellen Handelsrouten auf Dauer geschlossen würden, blieb der bhutanischen Führung nichts anderes übrig, als schleunigst die angebotene Straße bauen zu lassen. 1962 war die erste Straße Bhutans fertig.

Vorerst war das Ende der Isolation von der Außenwelt gleichbedeutend mit der totalen Abhängigkeit von Indien. Es fehlten die finanziellen und personellen Mittel, einen feudalistisch organisierten Staat und eine Wirtschaft, die fast ausschließlich auf landwirtschaftliche Selbstversorgung ausgerichtet war, in einen modernen Nationalstaat umzubauen. In diesen ersten Jahren nach der Öffnung, in denen jegliche Modernisierung wie der Aufbau einer physischen (Straßen) und sozialen Infrastruktur (Schulen und Spitäler) von Indien finanziert und durchgeführt wurde, wäre Bhutan wohl leichte Beute für indisches Machtstreben gewesen.

Doch Indiens realpolitisches Interesse lag nach der Besetzung Tibets durch China in erster Linie in der Stabilität des strategisch wichtigen Nordostens des Subkontinents. Der übermächtige Bruder mißbrauchte niemals seine Position und unterstützte Bhutan stattdessen im Bestreben um internationale Anerkennung. Wir wußten nicht einmal, wie man ein diplomatisches Schreiben beantwortet, erinnert sich ein altgedienter Diplomat des Außenministeriums an die Anfänge. Es gibt kein zurück. Der Weg, welcher mit dem Bau der ersten Straße eingeschlagen worden ist, muß weitergegangen werden.
Vordringliche politische Priorität erhielten neben der Öffnung zwei Themen: Entwicklung und Modernisierung. Dabei stand Bhutans Führung den traditionellen westlichen Entwicklungskonzepten, die sich zu jener Zeit praktisch nur auf den Bereich der Wirtschaft beschränkten, von Anfang an skeptisch gegenüber. Bald wurde (anfangs wahrscheinlich unbewußt, später jedoch ganz gezielt) ein eigenständiger, vom Verständnis des Buddhismus geprägter Entwicklungsbegriff geschaffen. Das Bruttonational-Wohlbefinden ist wichtiger für Bhutan als das Bruttonationalprodukt, bringt es König Jigme Singye Wangchuck auf eine einfache, verständliche Formel. Wirtschaftswachstum könne nur Mittel zum Zweck sein, ein erfüllteres Leben zu führen. Es dürfe nicht auf Kosten anderer Aspekte der Lebensqualität gehen. Damit ist vor allem die kulturelle Identität und die weitgehend intakte Umwelt gemeint.

"Das Brutonational- Wohlbefinden ist wichtiger für Bhutan als das Bruttonationalprodukt" (König Jigme Singye Wangchuck)

Ökologisches Denken hat bisher zum Beispiel eine kommerzielle Nutzung der Holzressourcen verhindert. In einem Land, das zu 72% mit Wald bedeckt ist, muß man Monate im voraus eine Bewilligung beantragen, um sich genügend Brennholz für den Winter zu sichern. Sägewerke und andere Betriebe, die auf regelmäßige Holzlieferungen angewiesen sind, müssen nicht selten wegen dieser Politik zusperren. Auch die Tourismusbranche wurde aus Besorgnis über die negativen Auswirkungen des Massentourismus auf die eigene Kultur kleingehalten.
Der Druck der Bevölkerung hin zu einer schnelleren Modernisierung war bisher relativ gering. Bhutan konnte im Gegensatz zu den meisten Ex-Kolonien auf funktionierende politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen aufbauen. Das Volk stand loyal hinter seinem König und verlangte nicht nach demokratischen und wirtschaftlichen Reformen. Obwohl die große Mehrzahl der Bhutaner arm im Sinn von Güter- und Geldknappheit war, waren die Grundbedürfnisse weitgehend gedeckt. Es war (und ist in vielen ländlichen Gebieten noch heute) eine Armut wie bei Tiroler Bergbauernfamilien vor einem Jahrhundert, nicht wie in den Slums von Kalkutta.

Die Initiativen, die ohne Ausnahme von oben kamen, waren erfolgreich. Bhutan hat heute Züge eines Wohlfahrtsstaats. Während man mit Wirtschaftsentwicklung vorsichtig umging, wurde viel Geld in das Gesundheits- und Schulsystem investiert und beides der Bevölkerung gratis zugänglich gemacht. 1960 gab es zwei ausgebildete Ärzte im ganzen Land. Heute wandern kleine Teams von Ärzten und Krankenpersonal periodisch bis in die entlegensten Dörfer und erreichen so mehr als 90% der Bevölkerung. Die Folge ist, daß die Kindersterblichkeit radikal gesunken und die durchschnittliche Lebenserwartung sprunghaft von 37 (1960) auf 66 Jahre (1994) gestiegen ist.


Gemüseanbau für den Markt ist noch die Ausnahme. Der Großteil der Bauernfamilien, vor allem in abgeschiedenen Regionen, arbeitet für den Eigenbedarf.

Nachdem nun eine Generation Entwicklungsbestrebungen erlebt hat, ist das Land heute an einem kritischen Punkt angelangt. Plötzlich steht die Regierung vor dem Problem, daß jährlich immer mehr Schulabgänger und Schulabgängerinnen nicht mehr zurück auf ihre Höfe gehen wollen. Stattdessen wandern sie in die Städte ab (die Hauptstadt Thimphu wächst um 10% pro Jahr) und wollen Arbeitsplätze, die es jedoch erst zu schaffen gilt. Der öffentliche Dienst, der bis vor kurzem noch den Mangel an qualifiziertem Personal beklagte, kann nun nur mehr einen Teil der Bewerberinnen und Bewerber aufnehmen. Und Privatbetriebe gibt es nur wenige.

Bhutans Entwicklungskonzept, das dem Land seine Eigenheit und Schönheit bewahrt hat, wird in den nächsten Jahren immer mehr unter Druck geraten. Dabei könnte das Land bald reich sein. Das Potential für Wasserkraft ist riesig und der Markt für elektrischen Strom auf dem Subkontinent praktisch unerschöpflich. Bis jetzt sind ganze 3% des Potentials genützt, und Stromexporte nach Indien machen bereits 15% des BIP aus. Doch Kraftwerke schaffen, zumindest auf Dauer, wenige Arbeitsplätze. Bhutans Hauptproblem wird deswegen weniger ein wirtschaftliches als ein soziales sein: für die durch Bevölkerungswachstum, Schulbildung und die Aufgabe der Subsistenzwirtschaft freiwerdenden Arbeitskräfte Arbeit zu schaffen.

Es gibt kein Zurück. Der Weg, welcher mit dem Bau der ersten Straße eingeschlagen worden ist, muß weitergegangen werden, und es wird noch viele Fallen und Hindernisse geben. Wer jedoch gesehen hat, daß Kinder, statt Touristen anzubetteln, verschmitzt What is your name? fragen, um ihr Englisch zu erproben, der weiß, daß der Weg bisher ein guter war.

Stefan Priesner schrieb seine Diplomarbeit über das Thema Gross National Happiness Bhutan's Unique Approach to Development und ist Programme Officer des UNDP in Thimphu. Die in diesem Bericht geäußerten Ansichten sind die des Autors und stimmen nicht notwendigerweise mit der Auffassung des UNDP überein.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04