Der offene Blick in die Kamera

Der Druckkochtopf auf dem Holzkohlenofen, Jeans und traditionelle Kleidung, Solarpanele auf alten Bauernhäusern. die Menschen Bhutans leben zwischen Moderne und Tradition. In Zukunft wird sich die Spannung wohl noch erhöhen.

Von Karl Brousek und Peter Elster

Der erste Blick: Die Landschaft von oben ist grün, gebirgig, bewaldet. Sie erinnert an Österreich, ist jedoch wesentlich dünner besiedelt. Der Flughafen entpuppt sich als freundliche Busstation. Die Straßen sind nur mäßig ausgebaut, sehr kurvenreich, steil und eng. Oft kann nur ein Wagen passieren.
Die Felder: Von behäbigen Ochsen gezogene Pflüge durchfurchen den Boden. Frauen arbeiten im knöcheltiefen Wasser der terrassenförmig angelegten Reisfelder. Mühsame Getreideernte mit einfachsten Geräten, von Liedern begleitet.

Die Märkte: Früchte, Gemüse, getrockneter Fisch, Yakbutter, auf Schnüre gefädelte Hartkäsestücke, die stimulierenden Betelnüsse und die schweißtreibende Konstante der bhutanischen Küche, die Chilischoten. Die Klosterburgen, die Dzongs: konservative Eckpfeiler des bhutanischen Reiches und Staates. In den respekteinflößenden Festungen werden geistliche und weltliche Macht miteinander verbunden. Die in auffälliges Rot gekleideten Mönche sind das Rückgrat von Denken und Leben. Vordergründige, prospekthafte Eindrücke der ersten Begegnung mit Bhutan. Das nähere Hinsehen. Wir kommen als österreichisches Filmteam ins Land und haben anläßlich der geplanten Bhutanausstellung in Wien die seltene Gelegenheit, Dokumentationen und Reportagen über dieses Königreich im Himalaya zu drehen.

Unsere Arbeit konzentriert sich auf West- und Zentralbhutan. In einem Monat Drehzeit legen wir über 5.000 Kilometer auf engen Bergstraßen zurück und werden am Schluß der Dreharbeiten 25 Stunden Videomaterial und etwa 2.000 Dias in unsere Gepäckkisten verstauen. Ein Land und seine Menschen zu porträtieren heißt, sich unter sie zu mischen, sie bei der Arbeit zu beobachten und in der Freizeit zu begleiten. Wo immer wir die Kamera aufbauen, sind wir von neugierigen Kindern umgeben. Mit vielen können wir uns auf Englisch unterhalten. Fast unglaublich, wenn man bedenkt, daß noch vor wenigen Jahrzehnten gut 90% der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnten. Der anderswo ungeliebte ist hier ein offener Blick in die Kamera und wird für uns zum Symbol des furchtlosen Zugangs der Bhutanerinnen und Bhutaner auf alles Neue.


Bogenschießen ist unter Männern ein vielgeliebter Freizeitsport. Er ist von einer komplizierten Symbolik getragen. Frauen berühren Pfeil und Bogen nicht.

Bereits am ersten Drehtag erleben wir Bhutans Nationalsport. Bogenschießen ist eine alte Kunst im Himalaya, von einer komplizierten Symbolik getragen. Nahezu jeder bhutanische Mann bringt es zu großer Meisterschaft in dieser beliebten Freizeitgestaltung. Neben dem traditionellen, aus Bambus gefertigten Bogen verwenden einige wenige bereits den modernen, aus den USA eingeführten Compound-bogen. Die Frauen berühren Pfeil und Bogen nicht. Sie singen und tanzen am Rande des Spielfeldes, um die eigene Mannschaft anzufeuern und die gegnerische zu verunsichern. In Bhutan sind Frauen geachtet und treten selbstbewußt auf. In manchen Tälern besitzen sie Hof und Boden, den die Männer bestellen; es gibt sogar das Erbrecht in weiblicher Linie.
Monogamie ist die Regel, die Polygamie aber möglich. So ist der König mit vier Frauen verheiratet. Wir trafen auch eine Frau, die mit mehreren Männern in Ehe lebt. Am Land heiraten die Mädchen sehr früh, in der Stadt ist der Wunsch nach Karriere auch bei Frauen bereits verbreitet. Eine Studentin erzählte uns von ihrem Berufsziel, die erste bhutanische Straßenbauingenieurin zu werden. An den Hebeln der überregionalen Macht sitzen aber ausschließlich Männer.
Je länger wir in Bhuthan arbeiten, desto häufiger fällt uns das Nebeneinander von Neuem und Altem auf: Solarpanele auf alten Bauernhäusern; Druckkochtöpfe am Holzkohlenofen; amerikanische Klischee-Filme auf Video in einem Land, in dem es kein Fernsehen gibt; Jeans statt Go oder Kira, der traditionellen Kleidung für Männer und Frauen. Der von allen verehrte König Jigme Singye Wang-chuck steht für eine Politik der behutsamen Modernisierung. Gesundheits- und Bildungswesen sind die aktuellen Schwerpunkte der Entwicklung. Die Kinder sitzen zu dritt in einer Schulbank, und bis zu sechzig sind in einer Klasse. Trotzdem ist ein konzentriertes Arbeiten möglich. Die Buben und Mädchen, mit denen wir plaudern, wirken durchwegs motiviert und haben Freude am Lernen. Eine neue Bildungselite studiert in Indien, Amerika und Europa. Die Ideen und Erfahrungen, die sie mitbringt, werden die Modernisierung vorantreiben.

Sie könnten aber auch zu Unzufriedenheit, sozialen Spannungen und zur Verwässerung der traditionellen Werte führen. Zunehmend wird es schwieriger, den heiklen Balanceakt zwischen Moderne und Tradition zu bewältigen. Den Verantwortlichen ist dies bewußt.


Die Märkte: Früchte, Gemüse, getrocknete Fische und auf Schnüre gefädelte Hartkäsestücke

Karl Brousek ist Historiker und Filmemacher. Peter Elster ist Forstökologe und Kameramann. Beide sind Mitarbeiter des Bundesministeriums für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04