"Wir wählen aus, was wir verkraften können"

Über den bhutanischen Weg der Entwicklung sprach Brigitte Voykowitsch mit dem Planungsminister Chenkyab Dorji.

Frage: Herr Minister, wie definieren Sie den Begriff Entwicklung für Bhutan?

Der bhutanische Kontext ist gleichzeitig ein buddhistischer. Unsere Entwicklung soll die Lebensqualität der Menschen erhöhen, darf aber nicht auf Kosten der kulturellen Tradition gehen. Wir möchten eine nachhaltige Entwicklung erreichen, ohne die Zukunft der nächsten Generationen zu gefährden.

Frage: Wie sehr hat sich die bhutanische Bevölkerung verändert, seit Sie Ihren ersten Entwicklungsplan eingeführt haben?

Entwicklung hat wie eine Medaille zwei Seiten. Seit 1961 haben wir im sozialen Bereich spektakulären Fortschritt gehabt, auch im Sektor Infrastruktur und in bezug auf die Lebensbedingungen. Gleichzeitig haben sich die Erwartungen der Bevölkerung erhöht. Früher gab es zum Beispiel keine Straßen, keine Autos. Heute wollen die Leute Straßen überallhin. Sie erwarten ein Bussystem, sie wollen selbst Autos besitzen usw.

Frage: Fürchten Sie nicht, daß die nächste, viel höher gebildete Generation radikalere Reformen verlangen wird, daß sie einen anderen Lebensstil wünschen wird, eine andere Kultur, ein anderes politisches System?

Es ist zu früh, das beantworten zu können. Aber: Wir sind die Spätkommenden der Modernisierung. Das ist unser Glück. Deshalb können wir Fehler vermeiden, die andere gemacht haben. Wir versuchen, einen ausgewogenen Weg zu beschreiten, der nicht nur auf materielle Entwicklung setzt. Deshalb legen wir in unserer Schulbildung großen Wert auf die Vermittlung unserer traditionellen Werte. Wir sind nicht gegen das Fernsehen und diese Dinge. Aber zuerst müssen die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt werden.

Frage: Mit der Öffnung und der Entwicklungszusammenarbeit kommt viel ausländischer Einfluß in Ihr Land. Sind Sie besorgt darüber, daß Menschen hier eines Tages sagen könnten, wir möchten das System ändern?

Wir haben ein sehr demokratisches System in dem Sinn, daß es die Wünsche des Volkes berücksichtigt. Wir haben eine gute Regierungsform, die effizient ist und auf die Beteiligung der Menschen größten Wert legt. Unser Volk ist mit diesem System glücklich. Außerdem folgen wir nicht dem Weg anderer Entwicklungsländer, wo eine unbegrenzte Anzahl von Gebern tätig ist. Wir bekommen Angebote aus der ganzen Welt. Wir wählen aus, was wir verkraften können wenige Geber und Unterstützung in den uns wichtigen Sektoren.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04